Grabungen an der Weintorstraße in Mainz

AZ MAINZ – Das Rätsel wird komplizierter: Grabungen an der Weintorstraße

Die stummen Zeugen stehen auf dem Schreibtisch neben einem Laptop: Eine Bierflasche der Brauerei zur Sonne, eine Apollinaris-Flasche und ein Tintenfass mit den bröseligen Resten des Inhalts. Sie erzählen einen winzigen Teil der wechselvollen Geschichte, die das Grundstück rund um die Stadtmauer an der Ecke Weintorstraße/Rheinstraße im Lauf der Jahrhunderte durchlebt hat. Dr. Marion Witteyer versucht sie ihnen zu entlocken. Bevor die Bauarbeiten auf dem Gelände begannen, wo nun ein sechsstöckiges Wohnhaus mit 13 Tiefgaragenstellplätzen entsteht, konnte die Chefin der Mainzer Archäologen mit ihrem Team über ein halbes Jahr lang tief in die Vergangenheit abtauchen – und traf dabei neben Bergen von Geschirr, den Überresten von Holzfässern, Holzstapeln und Lebensmitteln auch auf die Flaschen und das kleine Tintenfässchen.

Und der Reichtum an Funden kam nicht überraschend: „Mir war klar, dass das einer der Hotspots ist“, sagt Witteyer. Schließlich sei die Gegend bis zur Aufschüttung des Lauterenviertels im 19. Jahrhundert Ufergelände gewesen. An die Stadtmauer hätten sich Jahrhunderte lang eng die Häuser angelehnt – erst nur von innen, dann auch von außen.

Hinweise darauf, wie es hier früher aussah, geben Stiche und Zeichnungen aus dem 16. Jahrhundert. Mithilfe der Bilder erstellte man erste Karten der Stadt. Auf ihnen sind kleine Häuser zu erkennen, die sich in der heutigen Schlossergasse von der Stadtseite an die Mauer schmiegten, und die ihre Namen über Jahrhunderte behielten: Zum Hasen, Zur Lilie, Zum Dreifuß. Die Weintorstraße endete damals an der Mauer, nur das kleine „Schmiedepförtchen“ führte hindurch zum Rhein. Auf dem berühmten Stich von Merian von 1633 hat sich die Szenerie bereits verändert. „Den lieben alle“, erzählt Witteyer über das detailreiche Werk. Erste Häuser klammern sich von der Rheinseite an die Mauer, die Stadt breitet sich aus. Im 19. Jahrhundert sind dann bereits die Bewohner der Häuser beidseits der Mauer mit ihren Berufen in Dokumenten vermerkt: Schlosser, Müller, Ofensetzer, Kaufmänner, eine Näherin – ein buntes Gemisch bewohnt das Areal. Auf der Rahmenkarte von 1936 schließlich ist das Schmiedepförtchen niedergelegt, die Weintorstraße bereits durch die Mauer gebrochen – kurz bevor auch drumherum im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs fast alles zusammenbricht. Nach dem Krieg finden sich in den Jahren 1954 und 1962 erst einmal keine Einträge für das Gelände. Später kommt dann die Tankstelle, die hier lange Zeit das Bild an der Rheinstraße prägte. Auf ihrem ehemaligen Gelände wird nun eine kleine öffentliche Grünfläche an der Rheinstraße vor der Stadtmauer entstehen, während sich das Gebäude mit den 24 Wohnungen die Weintorstraße entlangziehen wird. Wer sich auf dem geschichtsgetränkten Areal niederlassen will, muss allerdings ein wenig Kleingeld mitbringen. 225 000 Euro werden die kleinsten Wohnungen kosten, informiert Karsten Kujus, Vorstand des Projektentwicklers Curator AG. Für das Penthouse im „Weintor“ werden 930 000 Euro fällig.

Dort wo die neuen Bewohner vermutlich ab Ende 2019, wenn alles fertig ist, ihre Autos parken können, fand Marion Witteyer vor allem Kellergebäude, die Überreste eines Brunnens und ein Latrinenbecken. Deutlich erkennbare Erdschichten erzählen von Bränden und Abrissen. Aus römischer Zeit habe man vor der Mauer nur Abfall gefunden, erzählt die Archäologin. „Die Römer haben hier nur ihre Sachen ans Ufer getragen und dann weggeschmissen.“ Eine Bebauung oder den Versuch, den Rhein zurückzudrängen, habe es hier anders als an anderen Orten in der Stadt nicht gegeben. Mehr Klarheit hier – mehr Fragen dort: „Das Rätsel der Stadtmauer ist noch komplexer geworden“, sagt Witteyer. An den Überresten der Stadtmauer im Boden, die der Tiefgarage weichen mussten, entdeckten die Forscher nämlich zahlreiche sogenannte Buckelquader, die an dieser Stelle offensichtlich wiederverwendet worden waren. Die entscheidende Frage sei also weiter unklar: Ist die Position der heutigen Mauerreste der Ort der ersten Mainzer Stadtmauer? Oder ist sie im  zehnten Jahrhundert verrückt worden, wie es einige Quellen vermuten lassen? Detailliertere Analysen von gefundenen Steinen könnten neue Erkenntnisse liefern, hofft Witteyer.

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